Wieso Social Commerce überbewertet ist

Social Commerce ist einer der meist genannten Social Media Trends für das Jahr 2011. Auch ich habe in meinem Artikel „Medley: Top 10 Social Media Trends in 2011″ bereits darüber berichtet. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto weniger denke ich, dass es Bedingungslos funktioniert. Jedoch muss ich erst eine klare Abgrenzung machen, denn einige Konzepte funktionieren ganz klar. So z.B. das Groupon-Prinzip, wo über Social Media genügend Käufer gesucht werden, um einen Rabatt zu erhalten. Ebenso funktioniert schon seit Jahren das Amazon-Prinzip, d.h. dass Rezensionen anderer Kunden die Unsicherheit reduzieren und so den Kauf erleichtern (oder verhindern).

Der Social Commerce dem ich kritisch gegenüber stehe ist der Kauf z.B. über facebook-Shops oder in Shops, die facebook über facebook-connect integriert haben. Die Idee ist es, dass ich sehe, was meine Freunde toll finden und was sie gekauft haben und ich meine Kaufentscheide entsprechend treffe. Levi’s hat einen solchen, komplet facebook integrierten Shop, auf welchem ich einerseits die Meinung aller Personen, andererseits die Meinung meiner Freunde sehen kann. Ich stehe der Sache aus folgenden Gründen kritisch gegenüber:

1. Über Geschmack lässt sich streiten

Ja, ich mag meine Freunde. Aber will ich deshalb die gleichen Hosen kaufen wie mein Mitbewohner, oder das gleiche T-Shirt wie mein Joggin-Partner, oder die gleichen Socken wie mein Arbeitskollege? Das wage ich ernsthaft anzuzweifeln. Nur weil sie meine Freunde sind, haben wir noch lange nicht den gleichen Geschmack. Ich wähle mein soziales Umfeld nicht aufgrund der Ähnlichkeit der Kleidungsstile aus. Und ihr?

2. Individualismus ausgedient

Ginge es noch dem facebook-Prinzip würde das bedeuten, dass je populärer eine Jeans, desto mehr würden diese kaufen (weil die Freunde sie bereits gekauft haben). Das widderspricht meiner Meinung nach dem immer stärker werdenden Individualismus der Gesellschaft. Fände ich eine Jeans schön und würde dann im Online-Shop feststellen, dass 7 meiner facebook-Freunde diese auch schon haben, würde ich sie eher nicht kaufen als kaufen. Oder gelten heute Aussagen wie „Die hat die gleichen Schuhe wie ich, jetzt kann ich sie nicht mehr tragen“ nicht mehr? Wohl kaum. Ich habe kürzlich mit einer Freundin darüber gesprochen. Sie hat klar gesagt, dass sie nicht die gleichen Schuhe oder Jeans wie ihre Kollegin oder Freundin kaufen würde.

3. Will und soll ich alles teilen?
Dazu kommt, dass ich wohl kaum alles das ich kaufe, meinen Freunden mitteilen will. Gerade wir Schweizer, die so zurückhaltend über Geldangelegenheiten sprechen, könnten hier hemmungen haben. Soll ich zeigen, wieviel die neuen Schuhe gekostet haben. Was würde das soziale Umfeld zu den zu teuren oder zu billigen Schuhen sagen? Sind die neuen Jeans womöglich schon wieder out? Statt Lob könnte es auch Kritik hageln. Dazu kommen Produkte, die gar niemanden etwas angehen (z.B. Unterwäsche und Co.). Vielleicht bin ich auch zu wenig Digital Native, aber meiner Meinung nach fallen diese Produkte bereits wieder aus den möglichen Social Commerce Angeboten.

Was sind also die Bedingungen, damit Social Commerce funktioniert. Ich denke je mehr ein Produkt ein Erfahrungsgut ist, d.h. je länger ich brauche, um festzustellen, ob ich etwas gutes oder schlechtes gekauft habe, desto wichtiger ist Social Commerce. Nur ist dieser bereich bereits mit dem Amazon-Prinzip abgedeckt. Zugegeben, es ist sicher nützlich, wenn mein Fussballclub-Typ den gleichen Fernseher gekauft hat und ich ihn fragen kann. Aber nicht wirklich nötig. Ein anderer Faktor ist sicher, wie trendig ein Produkt ist. Je trendiger, desto eher will ich allen zeigen, dass ich auch eins habe. Z.B. ein iPhone oder iPad. Doch das konnte ich bereits über ein Statusupdate erledigen.

Alles in allem, denke ich dass Social Commerce im Sinne von Empfehlung (Amazon-Prinzip) sich in den nächsten Jahren noch verstärken wird. Aber ob das facebook-Prinzip zu mehr Umsatz führen kann, wage ich einmal zu bezweifeln. Oder wie seht ihr das?

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    • EdTurner
    • 10. Juli 2012

    „Über Geschmack lässt sich streiten“ – ich verstehe deine persönliche Haltung, aber Du müsstest die mal ein wenig in den Hintergrund stellen, wenn Du über gesellschaftliche Phänomene schreibst. Es müsste Dir ja aufgefallen sein, das gerade junge Leute sich ähnlich Kleiden wie andere Mitglieder ihrer „Peergroup“, es also im Bezug auf die Kleidungsstile schon sehr viele Ähnlichkeiten gibt, die auch gewollt sind, weil sie Zugehörigkeit signalisieren. Und Gleichzeitig Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen verdeutlichen. Ob das jetzt die GLEICHEN Schuhe / Socken sein müssen, mal dahingestellt – ich denke es geht eher um den gleichen Stil / Marke etc. Ansonsten ein interessanter Blog.

    • Zugegeben, der Artikel ist wohl etwas von meiner persönlichen Meinung befangen und junge Menschen, die sich an ihrer Peergroup orientieren interessieren sich mehr dafür, was ihre Freunde gekauft haben. Trotzdem glaube ich, dass Social Commerce zu sehr „gehypt“ wird. Gemäss einer PwC Studie haben gerade mal 1% in der Schweiz schon über Social Media eingekauft. Kommt hinzu, dass gerade die junge Zielgruppe, die sich stark an den Peers orientiert, ja bereits „Facebookmüde“ sind. Das lässt bei mir schon Zweifel am schnellen Durchbruch von Social Commerce aufkommen…

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